Das justizielle Missverständnis

Zu oft habe ich in den vergangenen Woche, Monaten und Jahren in den Kommentarspalten sämtlicher Zeitungen, die ich lese, gelesen, dass die Bestrafung eines Straftäters nicht hart genug sei, Begriffe wie ‚Kuscheljustiz‘ sind gefallen, ‚die Opfer werden zu Täter‘ wurde geschrieben. Und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass ich wohl irgendwelche Grundlegenden Prinzipien nicht kenne, die allen anderen aber bekannt sind, doch wie ich herausfand war und ist dem nicht so. Es gibt diese Verwechslung, dieses Missverständnis, dass die Justiz so mit sich bringt: Es geht um den Unterschied zwischen Bestrafung und Resozialisierung.

„Das Prinzip der blossen Bestrafung hält sich in den Vereinigten Staaten.“

Bestrafung. Das, nach dem gerufen wird. Wieso nicht auch die Todesstrafe? Früher wurden schliesslich auch Leute guillotiniert, und überhaupt, war nicht früher alles besser? Nun, dieses Vergangene, das die Bestrafung mit sich bringt, hält sich in den USA nach wie vor. In den USA ist das Ziel der Judikative, Straftäter möglichst hart zu bestrafen, ihnen eine Lektion zu erteilen. Nebst dem, dass in den USA Gefängnisse und der Umgang mit Gefangenen und ehemaligen Gefangenen jedem Niveau trotzt, und die Privatisierung der Gefängnisse wirklich keine positiven Effekte mit sich bringt scheint auch das halbe Land im Gefängnis zu sitzen. Und darauf haben vorher genannte Negativitäten keinen Einfluss. Um dieses subjektive Bild den Zahlen weichen zu lassen, folgen nun dieselben: Die Einwohnerzahl beträgt etwa 323 mio, aktuell im Gefängnis befinden sich davon 2.3 mio, oder 0.7%, wobei die Anzahl der inhaftierten seit den achtziger Jahren explosionsartig in die Höhe geht. Ich glaube, dass dies, nebst vielem anderen, auch am Konzept der Bestrafung liegt, dass in den USA verbreitet ist. Ist dieses Land doch nur eines der wenigen Länder weltweit, die tatsächlich noch Leute töten, weil sie getötet haben, aber darüber schreibe ich vielleicht ein anderes mal, dafür reicht dieser Text nicht aus.

gericht-symbolbild

Nun zum europäischen Konzept der Justiz, mit dem Ziel einen Straftäter zu resozialisieren, und wieder vollständig in die Gesellschaft zu integrieren. Meiner Meinung nach der deutlich bessere Ansatz, denn die meisten Straftäter werden nicht zu solchen, weil sie es sich wünschen, sondern weil sie keinen anderen Ausweg sehen, oder nichts anderes kennen. Motive können beispielsweise Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Probleme sein. Diese Menschen sind grundsätzlich bereit zu einem besseren Menschen zu werden und die kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Resozialisierung dieser Menschen anzustreben ist ein überaus logisches und machbares Ziel, als Utopie kann es nur in den wenigsten Fällen bezeichnet werden, wofür Anders Breivik ein Beispiel ist. Bei ihm wäre meiner Meinung nach ein lebenslanger Aufenthalt in einem Gefängnis oder einer Psychiatrie angebracht. Auch die Zahlen sprechen für diesen justiziellen Ansatz. Von etwa 8.4 mio Einwohnern sitzen etwa 6900 (Stand: Nov. 2015) hinter Gittern und damit gerade einmal 0.085%, beinahe ein Zehntel des Prozentsatzes der USA. Um etwas repräsentativer daherzukommen, sei hier auch Deutschland genannt, mit aufgerundeten 82.2 mio Personen, wobei sich im August 2016 63’100 in Gefängnissen aufhielten, was 0.077% entspricht. Damit steht Deutschland sogar noch etwas besser da, als die Schweiz.

„Die Resozialisierung anzustreben ist meist ein absolut plausibles Ziel.“

Es zeigt sich, dass die Fakten eindeutig für das in Europa gebräuchliche System der Resozialisierung sprechen. Hier versucht man aus Häftlingen wieder Bürger zu machen, die sich relativ einfach wieder in die Gesellschaft eingliedern lassen können. In den USA ist der Zweck des Gefängnisaufenthaltes die Bestrafung der Straftäter. Selbst Entlassenen werden meist Steine verschiedenster Art in den Weg gelegt. So verdienen amerikanische Häftlinge im Gefängnis nichts (sie haben auch gar nicht die Möglichkeit zu Arbeiten) und stehen damit am Ende zwar in der Freiheit, aber ohne Geld zu besitzen, was dann darin mündet, dass sich diese Menschen durch illegale Geschäfte Geld verschaffen. In Europa haben die Häftlinge das Privileg arbeiten zu dürfen, womit sie sich eine solide Grundlage für die Zeit nach der Inhaftierung aufbauen. Meiner Meinung nach dient das Konzept der Resozialisierung viel eher einer friedlichen Gesellschaft bzw. einem friedlichen Land, als das System der blossen Bestrafung.

Die Zahlen, die oben genannt sind zeigen eindeutig, wo es prozentual gesehen die wenigsten Inhaftierten gibt, doch die Daten, die ich daraus Lese bzw. Interpretiere sind nicht faktisch und unantastbar gegeben. Folglich gibt es Raum für Spekulationen, es gibt schliesslich dutzende Gründe, wieso in den USA die Gefängnisse besser gefüllt sind.

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