Der blaue Siphon – Eine Rezension

Das hier rezensierte Buch habe ich mir erst kürzlich beschafft, als erstes Buch von Widmer für meine Wenigkeit. Ich begann ohne grosse Erwartungen zu lesen, denn das war das, was ich nach der Sendung ›literarisches Quartett‹ (ältere Ausgabe) erwartete: Ein solides Buch. Zusätzlich fehlte mir das Wissen, Widmer einschätzen zu können, denn bislang hatte ich nur eine Sendung des SRF gesehen, in dem er diskutiert hatte. Gelobt wurde er immer mal wieder, vor allem nach seinem Tod im April 2014, als er mit nur fünfundsiebzig Jahren (durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz 2015: dreiundachtzig) einer langanhaltenden Krankheit erlag.

Nun aber zum Buch. Dünn ist es, weniger als einhundert Seiten, aber man sollte ja nichts daraus schliessen, Dürrenmatts Geschichten waren auch meist kürzer als diese Zahl und sind trotzdem wunderbar zu lesen. Ich persönlich bin auch ganz dankbar für kurze Bücher, denn wenn ein Buch die fünfhundert-Seiten-Grenze überschreitet, muss es sehr spannend sein, dass ich es motiviert zu Ende lese.

„Einen gültigen Geldschein in der Vergangenheit benutzen zu wollen – eine typische, abstruse Szene in diesem Buch“

Ich habe gelesen und ich habe das Buch hervorragend gefunden. Die Hauptperson geht ins Kino, schaut einen seltsamen Film und landet plötzlich in der Vergangenheit, mit dem Wissen der Gegenwart. So sieht er Personen und weiss, welche Zigarrenmarke sie als nächstes rauchen werden, wann sie sterben, wen sie heiraten. Er besucht Personen, erstmals seine Familie, seine zukünftige Frau, sieht seinen Hund und macht sich erst gegen Ende des Tages Gedanken darüber, wie er in die Gegenwart zurückkehren will. In einer Kneipe hockt er am Abend, hätte gern ein Zimmer, etwas zu Essen, aber es fehlt ihm am gültigen Geld. Er versichert, dass der Schein den er hat in einigen Jahren gültig sein werde, die Gäste lachen, der Schein wird durchgereicht. Am Ende erhält die Hauptperson den Schein nicht zurück, was die Frage aufwirft, wo der Schein gelandet ist, ob Jahre später jemand überrascht festgestellt hat, dass dieser komische Kauz mit der seltsamen Note tatsächlich einen nun gültigen Geldschein bei sich hatte. Ob er denn aus der Zukunft gekommen war? Oder wurde nur bei einem Durcheinander etwas verwechselt und der seltsame Mann hatte doch bloss eine fiktive Note bei sich?

Unbenannt

Nachdem er eine Nacht in einem Zimmerchen der Kneipe verbracht hat, erkundet er die Umgebung ein nächstes mal und wieder kommt er bei seiner Familie vorbei. Mutter und Vater suchen verzweifelt ihren Sohn, die Kindsversion der Hauptperson, der verschwunden ist und die Gegenwartsversion stellt die Theorie auf, dass sein Vergangenheits-Ich in die Zukunft gereist ist, während er selbst in der Vergangenheit landete. Als er diese Theorie äussert, wird er ganz logischerweise für verrückt gehalten. Da er dennoch die einzige Hoffnung der Eltern ist such er nach seinem Vergangenheits-Ich und besucht dabei ein Kino, dass ihn wieder in die Vergangenheit lotst. Er geht nach Hause, plötzlich euphorisch, freudig, es wird getanzt und gelacht und seine Tochter hat Freude am Hund aus seiner Kindheit, den er versehentlich hatte mitgehen lassen, es wird sich gewundert über die Hundemarke, auf der das Jahr 1941 vermerkt ist. Und die Theorie der Hauptperson bestätigt sich, denn seine Tochter erzählt ihm von einem Jungen, der in der Gegend herumgewandelt war.

Am Ende wird noch kurz aus der Kindheit der Hautperson erzählt, das Verschwinden und am Ende auch das Wiederauftauchen, bloss ohne Hund, der ja bei dieser Gelegenheit in der Zukunft gelandet war.

„Am schönsten erzählt sind die Momente kindlicher Neugier und Freude.“

Die Filme, die im Verlauf der Geschichte in den besuchten Kinos laufen, werden ausführlich beschrieben. Am schönsten erzählt sind Momente kindlicher Neugier und Freude am kleinsten Detail der Natur, mit welcher Begeisterung die Hauptperson Käfer fängt, sie wieder freilässt. Allein diese Abschnitte machen dieses Buch schon zur puren Lesefreude, doch die ganze Geschichte ist unglaublich toll geschrieben, auch wenn man manchmal etwas den Überblick verliert, wie die Hauptperson nun wo in der Vergangenheit ist, die Filme, die beschrieben werden sind von Abstrusitäten geprägt, aber sie runden das Buch sehr schön ab und machen es damit zu einem absolut grossartigen, unterhaltsamen Buch, das nun wirklich lesenswert ist.

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