Der Bucklige, der kam und ging

1956, mitten im Winter. Eisig kalt war es, als ich aus meiner Hütte nahe Lund schritt und begann, Schnee zu schippen. Eigentlich aussichtslos, schneite es doch schon seit Tagen ununterbrochen, auch nutzlos, lebte ich doch in einer gottverlassenen Gegend. Schweden ist gross, nahe Lund relativ. Doch schippte ich, weil ich gerne den Liegestuhl aufstellte und dick bemantelt darauf lag, wobei allerdings meine hängenden Arme den Schnee nicht berühren sollten, trug ich doch ungern Handschuhe. Also entfernte ich jeweils Schnee von einem etwa quadratischen Fleckchen, vielleicht zwanzig Meter von meiner Hütte entfernt.

Begegnungen bei Schnee und Kälte und mitten im Nirgendwo fühlen sie sich für mich immer sehr mythisch an. Doch hier jagte mir gar ein Schauer über den Rücken, als synchron zum Sonnenaufgang ein buckliger Mann in meine Richtung stapfte, denn stapfen musste er, lag doch der Schnee fast einen Meter hoch. Ich lag also so da, auf meinem Liegestuhl und mir direkt entgegen kam diese Silhouette, die nach und nach zur Person wurde. Zielstrebig und erstaunlich rasch näherte er sich, bis er wenige Meter von mir entfernt abrupt stehen blieb und in meine Richtung blickte, den Kopf aber so in die Höhe gereckt, dass ich daran zweifelte, ob er mich überhaupt wahrnahm. Er begann Worte zu murmeln und dann stimmte er einen fremdartigen Singsang an, der hin und wieder in einen Wortschwall wandelte, wobei ich aber die Sprache nicht verstand; erst Jahre später fand ich heraus, dass es russisch gewesen war.

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Während der Mann sein geheimnisvolles Ritual abhielt, besah ich ihn mir etwas genauer. Er war klein, sehr bucklig, alt, faltig, trug eine Russenmütze und einen dicken Mantel. Sein Gesicht war rot und weiss gefleckt, der Kälte wegen und ein langer, buschiger, schlohweisser Bart zierte sein Kinn.

Ich musterte ihn sorgfältig, sonst bekam ich in dieser Gegend nie Jemanden zu Gesicht. Da plötzlich hörte er auf zu murmeln und singen und es wurde Still. Nie zuvor oder danach bewegte mich absolute Stille so sehr, wie in diesem Moment. Er senkte den Kopf und blickte mir freundlich lächelnd, mit strahlenden, wie ich jetzt bemerkte blauen, Augen ins Gesicht. Er sagte »Tack« und verschwand stapfend, langsam, aber stetig und fast erwartete ich, dass ihm die Sonne folgen würde und gleichzeitig mit dem Horizont verschwinden würde. Doch nur er verschwand und ich lag da, blickte in den Himmel und fragte mich, ob ich nur geträumt hatte.

Bild: Wetter-Foto.de

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